Die Sehnsucht nach den Pferdeflüsterern

Woher kommt diese Sehnsucht und mit ihr die große Nachfrage nach immer neuen Pferdeflüsterern?

 

Erfreulicherweise gibt es immer mehr Menschen, die Pferde bewusst ansehen, die mehr in ihnen wahrnehmen als Sportgeräte oder Nutztiere und die eine echte Partnerschaft mit ihrem Pferd anstreben. Aber braucht es dazu Pferdeflüsterer? Und welche Rolle kann das Pferd in unserer Gesellschaft aktuell einnehmen? Was ist zeitgemäß im Jahr 2017?

 

Begegnung auf Augenhöhe

 

Die Zeiten, in denen diese wunderbaren Tiere als Transportwesen, Arbeitstiere, Kriegskameraden oder Sportgeräte genutzt wurden sind vorbei oder laufen aus. Aber was kommt jetzt? Etwa die Entwicklung des Pferdes zur Showmarionette für die Bühne? Wie immer und überall in Umbruchzeiten tauchen viele z.T. miteinander konkurrierende neue Ansätze auf. Bei den Pferden erleben wir gerade die Pferdeflüsterer-Welle und immer geht es um den Begriff der Partnerschaft.

 

Das Pferd als Partner

 

Sicherlich gibt es auch vereinzelt im Sport echte Mensch/Tier- Partnerschaften, die diesen Begriff verdienen. Wirklich wichtig ist dieses Thema allerdings bei der immer stärker ansteigenden Zahl der Freizeitreiter. Mit ihnen kommen immer Menschen zu einem Pferd, die von mehr oder weniger diffusen Sehnsüchten geleitet werden.

 

Das Yang des Pferdes

 

 

Das Pferd steht wie kein anderes Tier für Freiheit, Kraft, Energie, Schönheit, Temperament u.v.m. Viel bedeutender für mich sind allerdings die weniger vordergründigen Eigenschaften. Ihre Ehrlichkeit, Geduld, Gutmütigkeit, ihre Bereitschaft sich dem Menschen zuzuwenden und ihre Fähigkeit Energien, besonders die, die von Emotionen ausgehen, sehr fein wahrzunehmen, machen das einzigartige Potential dieser Tiere aus.

Also, wenn man eine echte Partnerschaft, von der beide Seite profitieren, mit solch wundervollen Wesen eingehen möchte, muss man auch als Mensch einiges in die Waagschale werfen. Möchte man mit dem Pferd die vordergründigen, für mich die Yang-Eigenschaften wie Kraft, Schnelligkeit, Energie teilen, ist es naheliegend, ein Pferd zu reiten. Nur wie schafft Mensch es, ein so guter Reiter zu werden, dass das Pferd davon profitiert, geritten zu werden? Dies ist ein enorm hoher Anspruch!

 

artgerechte Pferdehaltung

 

 

Da kann man schon auf die Idee kommen, das Reiten komplett zu unterlassen und Pferde so artgerecht und naturnah wie irgend möglich zu halten und sich rein am Umgang mit ihnen zu erfreuen. Toll für die Pferde, bei denen dieser Ansatz wirklich gut umgesetzt wird. Allein dies kann in einem dichtbesiedelten Land wie Deutschland nur für einen Bruchteil der Pferdepopulation realistisch aufgehen.

 

Was ist mit all den anderen Pferden?

 

Die allermeisten Pferde leben immer noch in Boxenhaltung. Und auch Pferden aus Offenstallhaltung  fehlt es häufig an ausreichenden Bewegungsreizen. Für die Physiologie der Pferde ist es aber wichtig, dass sie täglich richtig galoppieren und dazu animiert werden, ihr gesamtes Bewegungsrepertoire abzurufen.

Und da kommen jetzt die Pferdeflüsterer ins Spiel. Wenn der Durchschnittsmensch nicht in der Lage ist oben genannte Bedürfnisse des Pferdes als Reiter zu erfüllen – und das erkennen immer mehr Menschen – dann doch vielleicht in Form von Bodenarbeit, Freiheitsdressur oder ähnlichen alternativen Ansätzen.

 

Verhaltenstraining Pferde Dr. Silke Volkmann Hamburg
gemeinsam Seele baumeln lassen am Strand

 

 

Grundsätzlich finde ich es als Therapeutin für Pferde immer gut, wenn der Pferderücken regelmäßig Regenationspausen vom Reiten bekommt und ich versuche unermüdlich meine Kunden für die Bodenarbeit zu begeistern. Und es gibt viele gut Ansätze und viele gute Pferdemenschen von denen man etwas lernen kann.

Ob das, was man mit dem Pferd am Boden macht, gut ist, hängt meiner Meinung nach im Wesentlichen von zwei Faktoren ab. Da wäre zunächst

 

1.     Die Biomechanik des Pferdes

 

Wenn man dem Pferd vom Boden aus Bewegungsmuster vorgibt, wie etwa beim Longieren, muss man immer die Biomechanik des Pferdes im Auge behalten. Also korrekte Stellung und Biegung des Pferdes, die Beinachsen müssen gerade sein, so dass die empfindlichen Gelenke der Beine physiologische genutzt werden können. Das Pferd sollte sich mit einer positiven Muskelspannung selbst tragen können und lernen sich auszubalancieren. Tja und das alles richtig zu machen ist leider auch nicht ganz einfach. Vor allem aber gilt es zu beachten, ob es einem Pferd mental zuträglich ist, in seinen Bewegungsmustern ständig reglementiert zu werden. Was mich zu Punkt 2 führt.

 

2.     Die Würde des Pferdes

 

Egal ob bei der Bodenarbeit im klassisch/akademischen Sinn oder bei jeglicher Form der Freiheitsdressur mit dem Pferd; der Schlüssel zum Erfolg oder zur Umsetzung ist immer die Kommunikation mit dem Pferd. Hier gilt es genau hinzusehen. Echte Kommunikation ist offen, d.h. der Partner darf antworten, was er möchte! Bei der Ausbildung oder beim Trainieren eines Pferdes in herkömmlicher Form kann demnach nicht von Kommunikation gesprochen werden. Es handelt sich immer um eine Form der Konditionierung. Was macht das mit einem Pferd?

Von Partnerschaft kann meiner Meinung nach keine Rede sein, wenn man Pferde stumpfsinnig konditioniert und sie dann als dressierte, autistische Hampelmänner stolz vorführt. Während man beim Reiten und in der klassischen Bodenarbeit Gefahr läuft dem Pferd mit physischem Druck zu schaden, wird das wahre Ausmaß  des psychischen Leids von Pferden, die eben zu diesen autistischen Marionetten gemacht werden, noch viel zu wenig erkannt. Ich denke, es gilt wie immer das richtige Maß zu finden. Jeder muss seinen eigenen Weg mit seinem Pferd finden.

In meiner Praxis erlebe ich auf jeden Fall immer wieder Pferde, die ihren Menschen bisher nur als Reiter erlebt haben und die regelrecht aufblühen, wenn dieser anfängt sich intensiver vom Boden aus mit seinem Pferd zu beschäftigen. Aus dieser Perspektive bekommt das Pferd die Chance anders gesehen zu werden, ganz gesehen zu werden. Vor allem aber kann man seine Augen sehen, den Ausdruck des Gesichts wahrnehmen. Und daran erkennt man, ob das Pferd mit Freude bei der Sache ist oder ob der eingeschlagene Weg gerade in Frust, Wut, Resignation oder gar Autismus führt.

So gesehen gibt es nur einen echten Experten, der beurteilen kann, ob man mit seinem Pferd, wenn man etwas Neues probiert auf dem richtigen Weg ist – das Pferd! Und eines sollte auch jedem Pferdefreund bewusst werden. Egal welche Sehnsucht ein Pferd in einem erweckt hat, Erfüllung findet man nur in der eigenen Seele.

 

 

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